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- Ernst Heinrich Weizsaecker, ab 1916 Freiherr von Weizsaecker, (* 25. Mai 1882 in Stuttgart; † 4. August 1951 in Lindau) war ein deutscher Marineoffizier, Diplomat, Staatssekretär des Auswaertigen Amtes und Brigadeführer der Allgemeinen SS. Wegen Mitwirkung an den Deportationen französischer Juden nach Auschwitz wurde er in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt. Ernst von Weizsaecker war der Vater des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsaecker und des von 1984 bis 1994 amtierenden Bundespräsidenten Richard von Weizsaecker.
Ernst Weizsaecker entstammte dem bürgerlichen pfälzisch-württembergischen Geschlecht Weizsaecker. Er war der Sohn des späteren württembergischen Ministerpräsidenten Karl Hugo Weizsaecker (1853-1926) und dessen Ehefrau Paula, geborene von Meibom (1857-1947). Sein Vater war 1916 durch König Wilhelm II. von Württemberg in den erblichen Freiherrnstand erhoben worden. Der Mediziner Viktor von Weizsaecker war sein Bruder.
Nach dem Abitur trat Ernst Weizsaecker am 7. April 1900 als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein. Im Zuge seiner zweiundvierzigmonatigen Ausbildung hielt er sich in dieser Zeit insbesondere in Japan, Ostrussland, Burma, Indonesien, China, Thailand und Indien auf. In China besuchte er 1903, gemeinsam mit Werner von Rheinbaben (1878-1975), dem er in diesem Jahr als Leutnant zur See zugeteilt war, und dem Kaisersohn Prinz Adalbert im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. die Verbotene Stadt in Peking. Hier hatte er die Gelegenheit, auch kurz der chinesischen Kaiserinwitwe Cixi zu begegnen. Es folgten seine Beförderung zum Oberleutnant zur See im Jahre 1905 sowie die Versetzung in das Torpedoversuchskommando. Im Jahre 1908 wurde er als Wachoffizier auf das Linienschiff Hannover - das Flaggschiff des I. Geschwaders der deutschen Marine - versetzt. Im Folgejahr kam er als Erster Flaggleutnant der Hochseeflotte auf die Deutschland. Nachdem er am 6. September 1909 sein Patent zum Kapitänleutnant erhalten hatte, gehörte er ab 1912 dem Marinekabinett in Berlin an, in dem er in der Abteilung „Orden und Ehrengerichte“ eingesetzt war.
Bei Kriegsbeginn 1914 kam Ernst von Weizsaecker als Admiralstabsoffizier zum II. Admiral des III. Linienschiffsgeschwaders. Im März 1915 wurde er dem Kapitän des Großlinienschiffes Markgraf „zur besonderen Verwendung“ zugewiesen. Es folgten bis Januar 1918 weitere Tätigkeiten, so 1916 seine Teilnahme als Zweiter Flaggoffizier an Bord des Flottenflaggschiffes Friedrich der Große an der Skagerrakschlacht. Am 17. September 1917 wurde er zum Korvettenkapitän befördert und im gleichen Jahr mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Von Januar 1918 bis August 1918 war er Navigationsoffizier auf der von der Tann. Anschließend gehörte er wieder dem Admiralstab der Seekriegsleitung unter Admiral Reinhard Scheer an. Im Januar 1919 verhalf er dem am Mord an Karl Liebknecht beteiligten Horst von Pflugk-Harttung (1889-1967) zur Flucht.
Ohne Vorerfahrungen im Bereich der Attachéarbeit löste Ernst von Weizsaecker am 5. Juni 1919 den Marineattaché in der deutschen Gesandtschaft in Den Haag, Erich von Müller (1877-1943), ab. Die sonst übliche Einarbeitungszeit fand auf Grund der äusseren Rahmenbedingungen kurz nach dem Kriegsende und der Gründung der Weimarer Republik nicht statt. geschäftsträger der Gesandtschaft war damals Friedrich Rosen. Als Ende März 1920 alle deutschen Attachéstellen aufgelöst wurden und er nach Deutschland zurückkehrte, wurde er zum 1. April 1920 probeweise ins Auswaertige Amt in Berlin übernommen.
Obwohl Ernst von Weizsaecker zu diesem Zeitpunkt weder über die für den Dienst im Auswaertigen Amt vorgeschriebenen Nachweise eines entsprechenden Studiums, noch über das diplomatisch-konsularische Examen verfügte, erfolgte sein Einsatz in den ersten Jahren der Weimarer Republik bereits für eine Reihe von diplomatischen Aufgaben. Die Gründe dafür sind vor allem aus der schwierigen Personalsituation nach Zusammenbruch des Kaiserreiches und der dominierenden Besetzung solcher Aemter in der Zeit davor mit Personen aus dem Adelsstand erklärbar. So wurde Weizsaecker Anfang 1921 als Konsul in Basel eingesetzt. Am 22. April 1921 wurde er aus der Marine verabschiedet. Ende 1924 wechselte er als Gesandtschaftsrat nach Kopenhagen, und ab Februar 1927 arbeitete er in Genf im Abrüstungsreferat. Danach folgten sechs Monate in Berlin beim Reichstagsausschuss für Auswaertiges, dann wieder vier Monate in Genf. Anfang 1928 übernahm er die Leitung des Referates für Abrüstung und ab Juli 1931 war er Gesandter in Oslo. Diese Verantwortung hatte er auch über die Zeit der Errichtung des nationalsozialistischen Regierungssystems 1933 in Deutschland inne. Aber er war zu dieser Zeit eher ein Betrachter von außen. So notierte er angesichts des Agierens radikaler Kräfte des neuen Regimes seine Sorge, „dass die ganze Entwicklung aus dem Ruder laufen könnte“. Seine Aufgabe sah er deshalb darin, Hilfe und Unterstützung zu geben, dass die zweite Etappe „konstruktiv wird“. Ab Mai 1933 war er mehrfach nach Berlin befohlen worden und leitete fast zwei Monate die Personalabteilung des Auswaertigen Amtes in Vertretung. Auch dabei wurde seine Haltung deutlich, die darin bestand, „mitmachen, um mitgestalten zu können.“
Nach dieser kurzen Vertretungsphase in Berlin wurde Ernst von Weizsaecker im September 1933 als Gesandter in Bern eingesetzt, von wo aus der Diplomat in offizieller Funktion am 6. Mai 1936 dem Auswaertigen Amt schrieb, er unterstütze die Ausbürgerung Thomas Manns wegen "feindseliger Propaganda gegen das Reich im Ausland". Kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland Mitte 1936 vertraute ihm Konstantin Freiherr von Neurath die vorläufige Leitung der Politischen Abteilung an. Doch Anfang März 1937 musste er nochmals nach Bern zurückkehren. Offenbar auf Hitlers Wunsch wurde Weizsaecker am 24. März 1937 zum Ministerialdirektor ernannt und seit April 1937 die Leitung der Politischen Abteilung übertragen. Er galt bereits zu dieser Zeit als eine Integrationsfigur, die weit über das Auswaertige Amt hinaus Vertrauen genoss.
Veränderungen traten dann ein, als Joachim von Ribbentrop Anfang 1938 das Amt des Reichsaußenministers übernahm. Dieser hatte Anfang März bei Weizsaecker angefragt, ob er bereit sei, sein Staatssekretär zu werden. Seine Zustimmung gab er vor allem aus der Ueberlegung heraus, dass er Ribbentrop für beeinflussbar hielt. Weizsaecker beantragte am 19. März 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. April aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.814.617). Ebenfalls auf Betreiben Ribbentrops wurde Weizsaecker noch mit Wirkung vom 20. April 1938 von Himmler als SS-Oberführer ehrenhalber in die Allgemeine SS aufgenommen, unterschrieb den Aufnahme- und Verpflichtungsschein der SS bereits am 23. April 1938, worauf er die reguläre SS-Nr. 293.291 erhielt. Den Abschluss dieser nationalsozialistischen Bestallung bildete dann am 9. November 1938 seine offizielle Vereidigung als SS-Führer auf Adolf Hitler. Weizsaecker war mit seiner SS-Aufnahme dem persönlichen Stab Himmlers zugeteilt. Diesem SS-Hauptamt unterstanden vor allem die privaten Organisationen „Lebensborn“, „Freundeskreis Reichsführer SS“, „Ahnenerbe“ und die Wewelsburg.
Nach späteren eigenen Aussagen hatte Ernst von Weizsaecker das Amt als Staatssekretär übernommen, weil er in den Jahren bis 1939 hoffte, durch außenpolitische Obstruktion einen Krieg verhindern zu können. Denn nach seinen damaligen Auffassungen war mit einer solchen Entwicklung der Bestand des Deutschen Reiches gefährdet. Als er aus Anlass der Proklamation des „Anschlusses“ Oesterreichs am 15. März 1938 in Wien weilte, bewertete er diesen schon deutlichen Schritt in Richtung Krieg als den „bemerkungswertesten Tag seit der Proklamation des Kaiserreiches“ im Jahr 1871. Als sich daraufhin die Schritte zur Annexion der Tschechoslowakei anschlossen, versuchte er mit diplomatischen Mitteln die offensichtlichen Ereignisse zu verhindern, was ihm aber nicht einmal ansatzweise gelang. Seine Hilflosigkeit wurde ihm auch beim weiteren Drang Hitlers zur Aufrichtung des Protektorats Böhmen und Mähren am 16. März 1939 immer bewusster. Hier hatte er mehrfach mit seinen Demissionsangeboten versucht, seine Haltung deutlich zu machen, besänftigte sich dann selbst mit der Feststellung, dass es doch nicht zum Krieg gekommen sei. Am Ende mündete dieses „noch Haltung zeigen wollen“ in stiller Resignation. Ein nochmaliges Aufbäumen seinerseits erfolgte in der Phase der Kriegsvorbereitungen gegen Polen. Auch in dieser Zeit unternahm er Versuche auf diplomatischen Wegen, dass sich England oder Italien deutlicher gegen Deutschland positionieren mögen, und bot kurz vor dem Ueberfall auf Polen seinen Rücktritt an. Adolf Hitler lehnte aber seine Rücktrittsforderung ab. Dazu kam, dass sein zweitältester Sohn bereits am zweiten Tag der Kriegsführung gegen Polen fiel. Uebrig blieb, obwohl ihm klar war, wohin von nun an Deutschland treiben wird, dass Weizsaecker sich in den kommenden Jahren an der Idee eines „machtpolitischen Aufstiegs Deutschlands“ orientierte.
Bereits Anfang der 1930er Jahre und ganz besonders ab 1939 hatte sich Ernst von Weizsaecker stets gegen einen Krieg mit Russland bzw. Stalin ausgesprochen. Aber es lassen sich auch Aeußerungen nachweisen, in denen bei ihm die Idee des „Lebensraums im Osten“ mitschwang. Weizsaeckers Haltung zu den zunehmenden Bestrebungen, Juden zur Ausreise zu nötigen, paraphrasiert der Schweizer Botschafter in Paris, Walter Stucki, nach einem Gespräch zur Zeit der Reichskristallnacht 1938 so: "Die noch in Deutschland verbliebenen circa 500 000 Juden sollten unbedingt irgendwie abgeschoben werden, denn sie könnten in Deutschland nicht bleiben. Wenn, wie bisher, jedoch kein Land bereit sei, sie aufzunehmen, so gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen".
Spätestens zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz, an der sein Unterstaatssekretär Martin Luther teilnahm, war Weizsaecker über die Ziele der Judenpolitik im Dritten Reich informiert. Im März und Juni 1942 wurde er schriftlich durch Franz Rademacher, den Leiter des „Judenreferats“ im Auswaertigen Amt, über „Kuenftige Maßnahmen gegen Mischlinge I. und II. Grades“ und die „Frage der Sterilisierung der 70'000 Mischlinge“ informiert.
Trotz angeblich schwerwiegender Differenzen mit seinem Vorgesetzten, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, verblieb Ernst von Weizsaecker bis 1943 in der Funktion des 1. Staatssekretärs im Außenministerium des Dritten Reiches. Erst im Juni 1943 schien das Uebermaß erreicht zu sein, dass er tatsächlich sein Amt niederlegte. Sein Nachfolger als Staatssekretär wurde am 31. März 1943 der bisherige Ministerialdirigent Gustav Adolf Steengracht von Moyland. Er selbst wurde am 24. Juni 1943 angesichts der bevorstehenden Niederlage auf eigenen Wunsch zum deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom ernannt. Zu Papst Pius XII. und Pater Robert Leiber hatte er nach eigenen Angaben ein freundschaftliches Verhältnis. Mit der Befreiung Roms im Juni 1944 wurde die deutsche Botschaft in den Vatikan verlegt, wo Weizsaecker auch nach der Kapitulation Deutschlands bis August 1946 blieb.
Ernst von Weizsaecker ging zuerst freiwillig unter päpstlichem Schutz und unter Zusagen Frankreichs als freier Zeuge nach Nürnberg. Dort wurde er im Juli 1947 von den Amerikanern verhaftet. In Nürnberg - im so genannten Wilhelmstraßen-Prozess - wurde er als Kriegsverbrecher angeklagt. Seine Verteidiger waren Hellmut Becker und Warren Magee. Am 6. Februar 1948 wurde unter anderem der Diplomat und Verwaltungsjurist Otto Bräutigam als Zeuge vernommen. Am 14. April 1949 wurde Weizsaecker wegen seiner aktiven Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz und damit wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Haft verurteilt. Erst im Zug einer nochmaligen Ueberprüfung des Verfahrens und der ausgesprochenen Strafen im Dezember 1949 wurde seine Haftzeit von sieben auf fünf Jahre reduziert. Im Zuge einer allgemeinen Amnestie wurde er dann am 16. Oktober 1950 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen. Dem Gericht lagen zum Zeitpunkt des Urteils allerdings nicht alle heute bekannten Dokumente vor. Sein Sohn Richard von Weizsaecker trat in dem Prozess neben Sigismund von Braun als sein Hilfsverteidiger auf und plädierte wie damals üblich auf die vollkommene Unwissenheit und Unschuld seines Vaters. - Weizsaecker hatte Deportationsbefehle für französische Juden in das Konzentrationslager Auschwitz abgezeichnet. Vor Gericht verteidigte er sich mit dem Argument, die in Frage kommenden Juden seien schon interniert und in Gefahr gewesen. Man hätte sehr leicht zu dem Schluss kommen können, dass sie bei der Deportation in den Osten weniger Gefahr laufen würden als an ihrem jetzigen Aufenthaltsort; zu jener Zeit habe der Name Auschwitz für niemanden etwas Besonderes bedeutet. Die Richter bezweifelten diese Darstellung. - Seine Strategie zu behaupten, von den Vernichtungslagern erst nach dem Krieg erfahren sowie die verschleiernde Terminologie der „Endlösung der Judenfrage“ und den „Arbeitseinsatz im Osten“ nicht durchschaut zu haben, wurde von den meisten damaligen Mitarbeitern des Auswaertigen Amtes genutzt.
Weizsaecker veröffentlichte 1950 seine im Gefängnis verfassten Erinnerungen, in denen er versuchte, seine Rolle während der NS-Zeit zu rechtfertigen und sich als Mann des Widerstands darzustellen. Im Oktober 1950 kam er nach dreieinviertel Jahren Haft frei. Die vorzeitige Entlassung war nach einer eingehenden Prüfung seines Falles durch das Rechtsamt des amerikanischen Hohen Kommissars McCloy verfügt worden.
Weizsaecker starb im August 1951 in einem Krankenhaus in Lindau am Bodensee an Folgen eines Schlaganfalls. Er wurde auf dem Solitude-Friedhof in Stuttgart bestattet, wo sein Sohn Heinrich Viktor (* 1917, gefallen am 2. September 1939) bestattet war. Seine Frau Marianne (1889-1983) wurde dort auch bestattet.
1911 heirateten Weizsaecker und Marianne von Graevenitz (1889-1983). Sie war die Tochter des Generals Friedrich von Graevenitz, Generaladjutant des Königs Wilhelm II. von Württemberg. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Freiherr_von_Weizs%C3%A4cker
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